Olympia 2032: Prof. Jürgen Mittag über Bürgerbeteiligung bei Olympia-Bewerbungen

Die Rhein-Ruhr-Region könnte Austragungsort der Olympischen Spiele 2032 werden – ein entsprechender Bewerbungsprozess läuft bereits. Für Mehr Demokratie ist klar, dass ein Großprojekt dieser Dimension unbedingt auch die Zustimmung der dort lebenden Menschen braucht. Um das Thema umfassend zu beleuchten, haben wir bereits Interviews mit Bürgermeistern aus zwei betroffenen Städten geführt: Mönchengladbach und Essen. Durch Jürgen Mittag folgt nun noch ein etwas anderer Blickwinkel. Mittag, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln, erklärt uns, wie sich der Bewerbungsprozess großer Sportprojekte verändert hat, warum die Partizipation der Bürgerinnen und Bürger wichtig ist und welche Chancen die Spiele aus seiner Perspektive mit sich bringen.

Jürgen Mittag (© Jürgen Mittag)

„Die Vergabe von Sportgroßveranstaltungen erfolgte lange Zeit unterhalb des Radars von Öffentlichkeit und Medien.“

Schon im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Montreal im Jahre 1976, so Mittag, sei bekannt geworden, dass Megasportprojekte nicht immer nur positive finanzielle Effekte für die Austragungsorte erzeugen. Doch erst der Korruptionsskandal im Zuge der Vergabe der Olympischen Spiele 2002 an Salt Lake City führte neben einer grundlegenden Reform der Strukturen des IOC auch zu einer Änderung der Abläufe des Vergabeverfahrens kam.

„Angesichts der zunehmenden Kommerzialisierung von Sportgroßveranstaltungen, aber auch mit Blick auf deren immer größere Ausmaße sowie eine Vergabepraxis, die vor allem seit der Jahrhundertwende verstärkt wirtschaftlich prosperierende, politisch aber autoritäre Staaten berücksichtigt, ist die Vergabe von Sportgroßveranstaltungen zunehmend kritischer betrachtet worden.“

Nun gibt es ein ausgeklügeltes, mehrstufiges Prozedere für die Vergabe der Spiele. Zunächst wählt ein Komitee in jedem Land eine Bewerbung im Rahmen eines nationalen Vorauswahlverfahrens aus. Seitens des IOC werde, laut Mittag, dann von einer Arbeitsgruppe des Exekutivkomitees eine Auswahl getroffen. Auf der nächsten Stufe des Bewerbungsverfahrens müssten die ausgewählten Kandidaten eine Gebühr von 150.000 Dollar zahlen und Bewerbungsdokumente ausarbeiten. Schließlich werde die finale Entscheidung über den Austragungsort in einer Session des IOC getroffen. So beschreibt Mittag den Bewerbungsprozess. Eine Beteiligung der Zivilgesellschaft sieht dieser Plan nicht vor.

In den beiden jüngsten Dekaden sei es zu massiver Kritik an den etablierten Formen der repräsentativen Demokratie gekommen. Teile der Gesellschaft fordern grundsätzlich neue Formen des Engagements und der Bürgerbeteiligung, so der Politikwissenschaftler. Die Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger sei sowohl angesichts veränderter Sportwelten als auch veränderter Formen gesellschaftlicher Teilhabe prinzipiell wünschenswert:

„In diesem Zusammenhang wurden neue politische Beteiligungsräume und Protestpraktiken, wie z.B. der regionale Widerstand gegen Großprojekte, Mobilisierungsstrategien im Netz oder Formen der digitalen Bürgerbeteiligung entwickelt. Diese Formen des Engagements und der Bürgerbeteiligung wurden mit Blick auf die oben angeführte Wahrnehmung von Sportgroßveranstaltungen auch auf den Sport projiziert.“

Dass es wichtig ist Bürgerinnen und Bürger zu befragen, zeigte sich am Beispiel der geplanten Olympiabewerbung Münchens von 2013. Nachdem besonders Aspekte wie Finanzierung und Umweltbelastung kritisiert wurden, kam es zu Ratsbürgerentscheiden in München, im Landkreis Traunstein, im Berchtesgadener Land und in Garmisch-Partenkirchen. In alle vier angedachten Austragungsorten wurde das Projekt abgelehnt. Etwa 1,3 Millionen Menschen waren stimmberechtigt. Auch 2015 votierten 51,7 Prozent der Hamburger gegen die Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2024.

Für Mittag kann eine Bürgerbeteiligung allerdings auch Gefahren erzeugen. Die Zustimmung der Öffentlichkeit sei zu einem zentralen Entscheidungsmoment avanciert, welche durch massive finanzielle Intervention

„Bestandteil – oder kritischer: zum Spielball – aufwändiger Kommunikationskampagnen von Befürwortern und Gegnern zugunsten anderer Interessen oder Ziele instrumentalisiert werden kann. Diese Gefahr ist in Zeiten von zunehmend selektiver Informationsrezeption und „Fake News“ beträchtlich.“                                 

Aus Sicht von Mehr Demokratie träfe dies natürlich auf grundsätzlich alle demokratischen Willensbildungsprozesse zu – ob Wahlen oder Abstimmungen. Wichtig sei es deshalb, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass eine unverhältnismäßige Einflussnahme einzelner Gruppen verhindert wird. Dazu gehört bspw. ein neutrales Abstimmungsheft als Informationsgrundlage für die Bürgerinnen und Bürger ein, welches allen Abstimmungsberechtigten automatisch zugesendet wird. Eine ausführliche Beschreibung der möglichen Formen der Befragung finden Sie hier.

Ob Bürgerbefragungen nun nur in den möglichen Austragungsorten oder in ganz Nordrhein-Westfalen durchgeführt werden, ist für Mittag eher zweitrangig. Weitaus wichtiger sei für ihn, ob überhaupt eine – von den Medien begleitete – hinreichend informative, transparente und breite Meinungsbildung erfolgen könne. Eine entsprechende Befragung sei daher im Olympiafall bedenkenswert, aber nicht zwingend der Königsweg.

Insgesamt sieht Mittag die Chancen und auch Potenziale der Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spiel 2032 deutlich höher als bei vergleichbaren Fällen in der Vergangenheit. Denn die private Initiative von Michael Mronz habe es sich zum Ziel gesetzt, mit der Bewerbung einen erweiterten Nutzen für die Bevölkerung im Land zu verbinden:

„Namentlich der Ansatz, die Olympischen Spiele als Verstärkungsfaktor zur Verbesserung der regionalen Mobilitäts- und Digitalinfrastruktur zu nutzen, erscheint perspektivisch. An einer erkennbaren Verbesserung haben die Menschen an Rhein und Ruhr ein erhebliches Interesse, sie wissen aber auch, wie langwierig und zäh entsprechende Modernisierungen sich hinziehen. Olympische Spiele können hier – ähnlich wie zuletzt bei der Kulturhauptstadt 2010 als Bahnhöfe und Museen in neuem Glanz erstrahlten – als Beschleunigungsfaktor fungieren.

Wenn zudem das Gemeinschaftsbewusstsein des immer noch stark durch die Gegensätze von Rheinland und Ruhrgebiet geprägten Landes durch ein entsprechendes Großprojekt angesprochen und gestärkt wird, sind hier weitere Potenziale auszumachen, die mit Blick auf die eingangs angeführte Sportbegeisterung der Region durch kaum ein anderes Ereignis in vergleichbarer Form zu erzielen wären.“

 

 

Univ.-Prof. Dr. Jürgen Mittag ist Professor für Sportpolitik und Leiter des Instituts für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Er forscht hauptsächlich in der Sportpolitik und der europäischen Integration und beschäftigt sich dabei vor allem mit Parteien und sozialen Bewegungen sowie Tourismus und Freizeit.

 

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